Zeitgenössische Videopoesie aus Griechenland

Das „Institut für experimentelle Kunst“ in Athen präsentiert eine Auswahl von Poesiefilmen, die von griechischen Künstlern in Zusammenarbeit mit internationalen Dichtern, Musikern und Filmemachern gestaltet wurden. Das Programm stellt die zeitgenössische griechische Poesieszene vor und führt in eine inspirierende kreative Welt ein. Die Kuratoren des Instituts organisieren seit 10 Jahren das Internationale Videopoesie-Festival in Athen, eines der größten Videopoesie-Festivals der Welt.

06-WorldMirror_IfIGoOut

If I Go Out Walking With my Dead Friends

Regie: Aleksandra Ćorović & Alkistis Kafetz

Text: Rita Boumi-Pappa

5: 21

Das Gedicht „If I go out walking with my dead friends“ (Wenn ich mit meinen toten Freundinnen spazieren gehe) ist Teil des Buches „A thousand murdered girls“ (Tausend ermordete Mädchen), das 1964 veröffentlicht wurde. Das Buch enthält 65 Gedichte, jedes benannt nach einer Frau, die von den Nazis wegen Beteiligung am griechischen Widerstand zum Tode verurteilt wurde. „If I go out walking with my dead friends“ ist ein schlichtes Denkmal für die weiblichen Heldinnen, die in Pappas Lyrik erwähnt werden, aber auch für diejenigen, die heute für Freiheit und ein bessere Zukunft kämpfen.

℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info

02_FocusGreece_Odour

Odour

Regie: Maria Baka

3:10

Ein Körper bewegt sich in verschiedene Richtungen. Vielleicht ist ein Liebesgedicht oder eine intensive Lebenserfahrung. Es gibt etwas, was es einzigartig macht, und das ist dein Duft. Ein Video-Gedicht, das der Einsamkeit unserer kontemporären Lebensdynamik gewidmet ist. Heutzutage ist es das Wichtigste, die realen Beziehungen zu stärken, um die Schmerzen, die Wut und die ungewollten Erinnerungen zu heilen.

03_FocusGreece_Tragedies

Tragedies come in the hungry hours

Regie & Text: Alexandra Matheou

3:13

Während des Lockdowns macht eine Frau Erdbeerwackelpudding und versucht, Virginia Woolf über FaceTime anzurufen.

04_FocusGreece_Pause

Pause

Regie: Janni Kolotouros

Text: Anastasia Gkitsi

4:17

Zeit, diese besondere Eigenschaft des Menschen, diese besondere Dimension des Lebens, die manchmal schnell und stressig und ein anderes Mal langsam und folternd fließt. Dieser Mega-Repressor, der unserem Alltag den Rhythmus vorgibt und manchmal auch vor der Stille nicht Halt macht. Der Mensch ist derjenige, der ihn besiegen kann, indem er sich eine und nur eine PAUSE auferlegt. Jede Pause, und egal wie kurz, ist immer ein Sieg über die Zeit.

Das Videopoem „Pause“ basiert auf dem gleichnamigen Gedicht der griechischen Dichterin Anastasia Gkitsi und wurde erstmals in gedruckter Form neben den Arbeiten von 15 anderen visuellen Künstler:innen auf der ersten ART THESSALONIKI INTERNATIONAL CONTEMPORARY FAIR im Jahr 2016  präsentiert. In dem Video wird die ungebrochenen Verbindung zwischen Zeit und Pause von dem Videokünstler Janni Kolotouros dargestellt. Drei verschiedene Ebenen der visuellen, musikalischen und sprachlichen Themen wechseln sich ab, jedoch unter Beibehaltung des konzeptionellen Zusammenhalts.

05_FocusGreece_Listen

Listen

Regie: Nssonic

Text: Sissy Mitsikosta

2:07

Dieses Videopoesie-Projekt ist ein visualisierter Brief an unser jüngeres Selbst. Ein emotionaler Leitfaden zum Erwachsenwerden. Eine Anleitung, wie man sanft erwachsen wird, um zukünftige Frustrationen und Traumata zu vermeiden. Ziemlich utopisch, oder? Der Text klingt wie ein Plädoyer des erwachsenen Ichs an das jüngere Ich, die Töne zu senken und die tiefgreifenden Veränderungen des Lebens zu akzeptieren. Ist es eine helfende Hand oder nur ein tadelnder Finger? Wie könnte das jüngere Ich den Unterschied erkennen? Vielleicht indem es die Geduld und den Mut aufbringt, sich seinen größten Ängsten zu stellen und die Dinge so zu akzeptieren, wie sie gekommen sind.

In der zweiten Hälfte des Videos werden die Farben wärmer, der Film wird schneller, und es gibt keinen gesprochenen Text mehr, nur instrumentelle Musik. Das jüngere Selbst hat all das erlebt, vor dem das ältere es eigentlich beschützen wollte, und somit wird kein weiterer Rat mehr benötigt. Nachdem es die Dunkelheit gesehen hat, ist das jetzige Selbst bereit, das Licht willkommen zu heißen.

Transmission

Regie: Afroditi Bitzouni

Text: Chris Sakellaridis

1:26

Animierte Papierausschnitte à la Henri Matisse kommen in diesem Film für die Repräsentation eines Gedichts zusammen, das von der griechischen mythologischen Figur des Orpheus inspiriert ist. Die Illustratorin und Animateurin Afroditi Bitzouni interpretiert Chris Sakellaridis’ gleichnamiges Gedicht in Form einer Collage-Animation. Die nahtlose Leichtigkeit von Bitzounis Animation erinnert an Matt Smithson‘ Video „Decoding the Mind“. Der beeindruckenden Musik von John Davidson folgend erschafft Bitzouni aus bunten Papierstückchen eine fragmentierte Landschaft und abstrakte Humanoiden. Der Großteil der Ausschnitte ist aus Körnerschichtpapier gestaltet, während andere aussehen, als ob sie aus einem Magazin oder Buch stammen. Eine experimentelle Performance, die Poesie, Musik, Animation, Tanz und Oper miteinander verbindet. Sie zieht ihre Inspiration aus zahlreichen Erzählungen und Adaptionen des Orpheus-Mythos.

My Enemies

Regie: Vasilis Karvounis

2:50

Mit dem Ziel zu verstehen, wie das Unterbewusstsein funktioniert, hat Freud zwischen drei Instanzen differenziert: zwischen Es, Ich und dem Über-Ich. „Es“ repräsentiert die Motive, Instinkte und biologischen Bedürfnisse und ist angeboren. Das Konzept „Ich“ ist der rationale Teil, welcher nicht angeboren, sondern durch die Ansammlung von Erfahrungen kultiviert wird. Das „Über-Ich“ repräsentiert die ethischen und soziale Werte des Individuums, sein moralisches Bewusstsein. Des Weiteren erklärte Freud, wie die Interaktion dieser drei Teile den mentalen Zustand eines Individuums definiert. Das Werk „My enemies“ bezieht sich neben Freud auch auf Beckett und das „absurde Theater“, um die drei mentalen Aspekte als reale und differenzierende Situationen darzustellen. Das Video zeigt drei Charaktere, die in einer bankettähnlichen Umgebung miteinander diskutieren und anecken, während sie zusammen Sprachspiele kreieren.

What I Fear Most is Becoming a ‘Poet’

Regie: Janet Lees

Text: Katerina Gogou

6:10

In ihrem Gedicht „What I fear most is becoming ‚a poet‘“ reflektiert Katarina Gogou über ihre größte Angst. Und das ist nicht die Angst vor gewaltsamer Unterdrückung, der sie und ihr Volk routinemäßig ausgesetzt waren, sondern die Angst davor, in die Rolle des staatlich anerkannten Dichters zu schlüpfen und schlafwandelnd mit dem System zu kollaborieren, gegen das sie so hart gekämpft hat.

Um dieses Gedicht als Poesiefilm zum Leben zu erwecken, verwendet die Regisseurin ihre eigenen urbanen Aufnahmen. Während sie die Standbilder animierte, benutzte sie das wiederkehrende Motiv von Feuer und Rauch, um Rebellion, Unterdrückung/Leidenschaft und Verzweiflung anzudeuten. Der Film entstand in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Musiker Tromlhie.

℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info

If you want to be called Human

Regie: Marc Neys AKA Swoon

Text: Tasos Leivaditis

5:17

Der Entschluss, ein Mensch zu sein, ist nicht, sich selbst vor sich oder vor anderen zu verstecken. Es ist vielmehr der Moment, in dem man sich entschließt, Anderen seine Hilfe anzubieten. Menschlichkeit ist das Angebot der Solidarität für alle Lebewesen im Namen von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit.

℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info

Find a Way to Meet Each Other

Regie: Tasos Sagris & Whodoes

Text: Tasos Sagris

7:54

Digital single & official video poem from upcoming LP “Phenomenology of the Guillotine” by Tasos Sagris & Whodoes ℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info​

Music: WhoDoes
Poetry: Tasos Sagris
Mix- Mastering: Stefan Konstantinidis / Fabrika Music Studio
Video Clip- – Directed by Tasos Sagris
Camera: Alkistis Kafetzi
Starring: Sissy Doutsiou, Lily Tsesmatzoglou Katerina Pantouli, Ioanna Kordoni, Anastasia

℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info

Tasos Sagris & Whodoes

Phenomenology of Guillotine

Multimedia Spoken Word Live Performance

Künstler: Tasos Sagris & Whodoes

(English subtitles) 
Friday 20th | 8:00pm 
mon ami - Großer Saal (Goetheplatz 11, Weimar) 
this event will take place on site only!

Eine detaillierte Untersuchung des Zusammenbruchs einer Gesellschaft – der Klang des endlosen Drucks der Großstadt. Ein Konzept, das die eigene Epoche fotografiert, indem es Fragen über die Gegenwart und Zukunft stellt, suchend nach Momenten der Rebellion und möglichen Fluchtrouten.

Tasos Sagris & Whodoes ist ein multimediales Spoken-Word-Projekt, das mit elektronischem Klang, kinematografischer Post-Rock-Atmosphäre, Poesie und Videokunst experimentiert. In den letzten Jahren traten sie u.a. im Portikus Museum (Frankfurt a.M.) und an der London School of Economics auf. Ihre Video-Gedichte und Performances wurden bereits auf Poetry-Festivals weltweit gezeigt.

Tasos Sagris & WhoDoes

℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info

Sissy Doutsiou

Insult of Public Modesty

Multimedia Spoken Word Live Performance

Künstlerin: Sissy Doutsiou

(English subtitles)
Friday 20th | 8:00pm 
mon ami - Großer Saal (Goetheplatz 11, Weimar) 
this event will take place on site only!

Ein ekstatisches Leben, Liebe und Aufstände. Verliebte Helden, einsame Personen, unterdrückte Instinkte und spontane Aktionen, soziale Revolten gegen die Normalität, Zerbrechen der Vitrine des 21sten Jahrhunderts, Verschlingen der Grenzen unserer Kultur.

Sissy Doutsiou ist eine Schauspielerin und Poetin aus Athen. Seit kurzem kann man sie im Theaterstück „Metamorphosis“ (Die Verwandlung) nach Franz Kafka in der Hauptrolle des Gregor Samsa sehen. Außerdem ist sie Kuratorin des International Video Poetry Festival in Athen und Mitglied des internationalen Autor:innenverbands PEN International. Sissy Doutsiou nahm an Poesielesungen der ersten Athen-Biennale „Destroy Athens“ teil. Sie tourt mit Vorlesungen, Performances, Videokunst-Ausstellungen und Poesielesungen regelmäßig durch Europa, die USA, Mexiko, Indien und Nepal.

Sissy Doutsiou

℗ The Institute [for Experimental Arts] http://theinstitute.info